Von PETER MÜNDER
Ein Rundgang durch den gemütlichen, über tausend Jahre alten Ort mit genau 1183 Einwohnern belebte sofort unsere wegen des Dauerregens leicht bedrückte Stimmung: Fachwerkhäuser wie aus dem Bilderbuch, aus leeren Flaschen montierte Kronen und Körbe auf Häusersimsen, ein „Gasthof zum Schachspiel“, schließlich ein „Gasthaus Prinz von Preußen“- das alles wirkte wie ein Blick ins Bilderbuch einer romantischen Heile-Welt-Epoche. Wie kam es also zur allgemeinen Schachbegeisterung in Ströbeck? Waren die Ströbecker etwa 1972 alle in Reijkjavik dabei gewesen, als Bobby Fischer sein Spasski-Trauma doch noch erfolgreich abschüttelte und den WM-Titel gewann? Selbst die vom Schachfieber infizierten, euphorischen Amerikaner warfen damals ja zu Tausenden ihre Jojos und Hoola-Hoop-Reifen in die Ecke, um den Schäferzug zu lernen. Vielleicht waren die Ströbecker damals etwa auch vom Begeisterungstaumel angesteckt worden?
Um diese Hintergründe der allgemeinen Schachbegeisterung zu eruieren, besuchten wir das schöne, im großen Stil restaurierte Museum, in dem sogar ein Trauzimmer untergebracht ist. Im Medienraum zeigte uns die freundliche Museumsangestellte Nancy Anglette einen Film über Ströbeck und seine Geschichte, im ersten Stock gibt es Bilder, Namenslisten berühmter Teilnehmer an Simultanturnieren und Urkunden der Lasker-Schachschule, außerdem ein dreidimensionales Schachspiel. Und im Keller kann man Porträts von Capablanca, Aljechin u.a. bestaunen. Etliche Bilder und Stiche verdeutlichen, worauf die Schach-Manie der Ströbecker beruht und auf welche Legenden sie zurückgeführt wird. Im Grunde illustriert sie nur die grenzenlose Dankbarkeit der Einwohner, die sich dafür erkenntlich zeigten, dass ihnen ein um 1000 n.Chr. im Turm eingesperrter Fürst, der von den Ströbeckern trotz irgendwelcher kriegerischen Querelen gut behandelt wurde, das Schachspielen beibrachte. Es gibt noch andere Versionen dieser Legende- mit kirchlichen und anderen Würdenträgern als Hauptfiguren- aber es geht immer um die Dankbarkeit der Ströbecker, denen die Gnade früher Schachlektionen zuteil wurde, was sie seit eintausend Jahren mit dem beeindruckenden Lebendschach und anderen Schachritualen zelebrieren.
Vor der Visite im Schachklub wollten wir beim „Prinz von Preußen“ einen kleinen Imbiß einnehmen. Aber der Gasthof, der ab 18 Uhr geöffnet sein sollte, war um 18.45 Uhr noch stockduster und abgeschlossen. Hinten im Hof leuchtete eine kleine Funzel in einem Stall, den wir dann beäugten. „Ja, wir schlachten hier noch selbst“, erklärte uns der Wirt, der gerade dabei war, ein Schwein zu verwursten. Nachdem er uns in die gute Stube ließ und uns dazu überredete, das Wiener Schnitzel mit Kroketten und Brocoli zu nehmen. Also gönnten wir uns zum lokalen Hasseröder-Bier diese Schnitzel, die so riesig waren wie texanische Wagenräder und einen Clan in Burundi ohne weiteres ein viertel Jahr ernährt hätten. Beim Begutachten der an den Wänden hängenden historischen Porträts fiel mir ein Bild von Kaiser Wilhelm II., gen Himmel strebender Schnauzer inklusive, auf: „Den haben Sie aber vor dreißig Jahren hier noch nicht hängen gehabt, nicht wahr“, fragte ich die Wirtin.
Meine blöde Frage wurde mit einem milden Lächeln bedacht- dies war ja alles DDR-Gebiet, damals hätte es für das demonstrative Zurschaustellen royalistischer Sympathien wahrscheinlich die Höchststrafe gegeben- mindestens einen Monat Schach-Entzug. Jedenfalls zogen wir dann weiter in den neben dem Schachturm angesiedelten Schachklub (Spieltag Freitag abends), den es seit 1883 gibt. Wir platzten in ein Gespräch über Fördermaßnahmen für das Jugendschach und spürten so, dass das Engagement der Jugendlichen zu bröckeln beginnt, weil es nach der Gebietsreform kein Gymnasium mehr in Ströbeck gibt und Schach als Pflichtfach- seit Jahrzehnten in der DDR angeboten- nur noch in der 2.-4. Grundschulklasse praktiziert wird. Am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt wird Schach nun nur noch als Neigungsfach- allerdings von zwei sehr engagierten Trainerinnen- angeboten.
Es war jedenfalls ein äußerst gemütlicher Abend mit den netten Schachfreunden. Nach einigen Blitzpartien plauderten wir über die Vereins-Aktivitäten und erfuhren viel über das holländische Partnerstädtchen Wijk am Zee, wo ja regelmäßig zum Jahresanfang ein internationales Großmeisterturnier stattfindet. Die Ströbecker Spieler reisen schon seit einiger Zeit dorthin und nehmen an einem Parallel-Turnier für „normale“ Club-Spieler statt. „Wir kommen dort immer privat unter und fühlen uns wie bei Freunden zu Haus- es ist jedenfalls eine wunderbare, harmonische Atmosphäre und die legendären Großmeister wie Anand,Topalev, Short oder das junge norwegische Genie Carlsen kann man dort auch am Brett erleben, einfach wunderbar!“ schwärmt das für Jugendarbeit zuständige Vorstandsmitglied Christian Harig. Im Wechsel sind auch die Holländer zu Gast in Ströbeck- das ist ein ganz neuer, europäischer Geist, der früher undenkbar war.
Wir Caissa-Besucher erwärmten uns jedenfalls schnell an der geselligen Ströbecker Club-Atmosphäre: Man schwatzt munter über Neuigkeiten aus dem Dorf, greift sich aus den beiden Bierkästen eine Flasche und spielt eher nebenher seine Partien. Von verbissenem Kampf oder „Mutter aller Schlachten-Militanz“ war hier jedenfalls nichts zu spüren. Ein Blick auf die mit Urkunden und Auszeichnungen dekorierten Wände zeigte, dass man die DDR-Epoche keineswegs ausblendet, und das ist auch gut so und ganz spannend. Warum sollte man auch ausgerechnet diesen besonders erfolgreichen Schachsektor verdrängen? So entdeckte ich etwa eine aus FDJ-Zeiten stammende Urkunde, die im Juli 1971 dem Klassenkollektiv der 5A überreicht wurde „Für vorbildliche Arbeit bei der Erfüllung des Pionierauftrags“, wie es hieß. In dicken roten Lettern prangt darüber die Losung: „An der Seite der Genossen- vollbringt hohe Leistungen zu Ehren der DDR“. Diese vom Zentralrat der FDJ überreichte Ehrenurkunde war von Egon Krenz, dem späteren prominenten, meist alkoholisierten Unglücksraben, unterzeichnet- da spürt man schon den Hauch der Geschichte.
Dieser historische Hauch wehte uns auch beim Ausflug in das acht Kilometer entfernte Halberstadt an. Wir besichtigten den gotischen Dom, der im Jahr 992 in Anwesenheit von König Otto III. geweiht wurde, hörten mittags ein Orgelkonzert an und besuchten das Gleimhaus, das alle möglichen literarischen Raritäten enthielt. Der aus Halberstadt stammende Dichter und Domsekretär JWL Gleim (1719-1803) war ja Zeitgenosse Goethes und Schillers, Mäzen etlicher verarmter Literaten und stand in Kontakt mit fast allen seiner bekannten literarischen Zeitgenossen. Eine umfassende Ausstellung zeigte herrliche Porträts, seinen Stuhl, in den er sich zum Schreiben wie in einen Betstuhl hineinkniete, Teile seiner Bibliothek und die Originalbriefe an Ewald von Kleist- einfach spannend. Nur die Frage, ob Gleim auch Schachspieler war, blieb ungeklärt. Zum Abschluß dann im Schachladen ein langes Gespräch mit Bürgermeister Krosch und seiner Ehefrau. Das Lebendschach und dessen positive, den Tourismus beflügelnden Faktoren kommen zur Sprache, dann aber auch die paneuropäische Schach-Schiene. Denn die zwölf Mitgliederdörfer im Verband „Kulturelles Dorf Europas“ pflegen den regelmäßigen Austausch mit den anderen Dörfern in England, Italien, Holland, Frankreich, Tschechien, Österreich, u.a. So kommt es zu wechselseitigen Besuchen, sogar zum großen Besucheransturm wie 2006, als Ströbeck zum „Europäischen Kulturdorf“ ernannt wurde. Vom Besuch im italienischen Partnerdorf Pergine Valdarno , wo man Lebendschach-Partien vor einem märchenhaften riesigen Kastell mit vier Pferden als Springerfiguren aufführt, war Renate Krosch so begeistert, dass sie Günter und mich auf mich die Idee brachte, einen Besuch in diesem märchenhaften Ambiente einzuplanen. „Ja, das sind wirklich spannende, lebendige Begegnungen, die auf uns alle sehr beflügelnd wirken“, konstatiert der sympathische Rudi Krosch, der schon zwanzig Jahre im Amt ist.
Als man vor einigen Jahren beschloß, Ströbeck die offizielle Bezeichnung „Schachdorf“ zu verleihen, gab es einen Bürgerentscheid, der sich mit 99,5 Prozent für dieses Vorhaben aussprach. „Ja, das war ein so eindeutiges Resultat wie zu Volkskammerzeiten“, lacht Rudi Krosch. „Aber hier stehen wirklich alle zu unserer Schachtradition. Und das ist auch gut so. Denn mit unseren Schachaktivitäten haben wir einen vitalisierenden Dynamo, der für Schwung und belebende Perspektiven sorgt. Ohne unsere Schachtradition wäre Ströbeck nur ein weiteres unbedeutendes, zur Stagnation verdammtes Dorf, das niemand kennt“. Wir würden als begeisterte Ströbeck-Fans, die überall so herzlich empfangen wurden, noch hinzufügen: Ohne Schach wären die Ströbecker vielleicht auch nicht so gut drauf.
(Peter Münder 23.10.2009)
Peter Münder arbeitet als freier Autor und Journalist. Er studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über den Dramatiker Harold Pinter. Seine Biographie über den Nobelpreisträger Harold Pinter erschien 2006 bei Rowohlt. Wenn er nicht gerade für Caissa Rahlstedts Zweite Mannschaft am Brett sitzt, vefasst er Artikel für so renommierte Zeitschriften wie u.A. die "TAZ", die "Süddeutsche" oder den "Spiegel". Und gelegentlich tut er das auch für diese Internetseite.
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