Eiskalter Kalkulator Gegen Intuitiven Schöngeist
Von PETER MÜNDER
Auf den faszinierenden kubanischen Schachgroßmeister und ehemaligen Weltmeister (von 1921-27) Raoul Capablanca (1882-1942) war der italienische Autor und Bibliothekar Fabio Stassi, 46, durch den Hinweis eines Freundes aufmerksam geworden. Der wollte eine Biographie über den Kubaner schreiben, starb dann jedoch bei einem Autounfall- so realisierte Fabio also das Projekt seines Freundes. Keine Frage: Die Irrungen/Wirrungen dieser berühmten Schachlegende liefern natürlich reichlich Stoff für einen Roman. Doch was wäre das Leitmotiv, der eigentliche Knackpunkt dieser ohnehin schon romanhaften vita? Capa, dieser Lebemann und Grandseigneur der Großmeister, hatte schon als Vierjähriger mit dem Schachspielen begonnen, er besiegte als 12Jähriger den kubanischen Meister Corso, er gewann bald unzählige Turniere und entthronte in Havanna 1921 im Duell mit der Schachlegende Emanuel Lasker den Weltmeister, der den Titel ja 27 Jahre lang verteidigt hatte. Der Kubaner war keine knallharte Kampfmaschine, sondern ein umgänglicher Genießer, der vor allem die Ästhetik einer Partie schätzte und sich an brillanten Kombinationen berauschen konnte. Er lehnte es ab, sich intensiv mit theoretischen Studien oder Neuerungen zu beschäftigen- „Learning by Doing“ war seine Devise. Sein großer russischer Rivale Alexander Aljechin (1892-1946) war der Antipode, der kaum gegensätzlicher hätte sein können: Verbissen, fanatisch, abweisend und eiskalt kalkulierend wollte er als Kampfmaschine alle Gegner nur überrollen- vom „Human Factor“ hatte er offenbar noch nie etwas gehört. Obendrein war er noch opportunistisch: Mal sympathisierte er mit den Bolschewisten, dann entdeckte er seine Sympathien für die Nazis und verfasste unsägliche braune Hetzschriften und Pamphlete. Nachdem er gegen Capablanca 1927 in Buenos Aires den Weltmeistertitel gewonnen hatte, verhöhnte und diffamierte er den entsetzten Kubaner, der vergeblich davon träumte, in einem Revanche-Match den Titel zurückzuerobern. Dabei waren die beiden Spieler am Beginn ihrer großartigen Schachkarriere sogar befreundet gewesen- der Konflikt wurde zur erbitterten Feindschaft, als Capa den berechnenden Charakter Aljechins erkannte, dann noch von ihm in Kommentaren und Pamphleten verunglimpft wurde und einsehen mußte, dass die heißersehnte Revanche gegen den Russen unter immer neuen fadenscheinigen Vorwänden abgelehnt wurde.
So viel zum biographischen Hintergrund dieses Romans, den Stassi leider nie zusammenhängend beschreibt. Er konzentriert sich auf einzelne Episoden, die oft fragmentarisch bleiben und auf kurze, fast filmhafte Sequenzen beschränkt sind. Stassi hat Capablancas Werdegang und die konfliktträchtigen Ereignisse um die vierundsechzig Felder auf dem Schachbrett in vierundsechzig Kapiteln beschrieben und den plötzlichen Tod Aljechins 1946 in einem Lissaboner Hotel an den Anfang seines Romans gestellt, um die Rivalität der beiden Meister dann in Rückblenden und atmosphärisch dichten Etappen darzustellen.
Wie stark die Wettkampfmentalität das Verhalten des homo ludens prägt, zeigt Stassi in einer herrlichen, sicher fiktiven Szene, während des großen Petersburger Turniers von 1914, wo sich Aljechin und Capablanca zum ersten Mal treffen und sich anfreunden. Jeder erkennt im Gegner Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit, wie etwa den gnadenlosen Siegeswillen, die grenzenlose Hingabe ans Schach, die das Niveau der meisten anderen Spieler weit übertrifft. Ihre Ähnlichkeit resultierte wohl auch aus der Abgrenzung gegenüber dem sie umgebenden Mittelmaß, wie Capablanca vermutet: „Weil sie beide noch so unbekannt und dennoch skandalös verwegen waren, und- das spürte er- weil ihnen beiden Erfolg beschieden war“. Prompt fordert Aljechin den Kubaner zu einer Wette heraus: Wer zuerst Madame Zlata, die Geliebte des russischen Großfürsten verführt, gewinnt. Capablanca kann tatsächlich als Erster ihr Bett erobern, doch das große Match beim Turnier am nächsten Tag kann er nicht gewinnen, weil er emotional zu aufgewühlt ist und fast nicht geschlafen hatte. War das ein perfide von Aljechin eingefädeltes Manöver, um sich gegenüber Capablanca beim Turnier einen Vorteil zu verschaffen? Jedenfalls war nach dieser Phase freundschaftlicher Zuneigung bei Capablanca schnell der Zweifel an Aljechins Motiven gewachsen; er entwickelte danach, so stellt es Stassi dar, eine skeptische Distanz zu ihm .
„Ich genieße es, das Ego meines Gegners zu zerstören“ hatte das im letzten Jahr gestorbene exzentrische amerikanische Schachgenie Bobby Fischer ja konstatiert und damit auch das Psycho-Drama eines Schach-Duells umschrieben. Auch Fischer hatte sich ja übrigens- ein durchgängiges Motiv im Turnierschach- nach seinem WM-Sieg gegen Spasski 1972 immer geweigert, seinen Titel (gegen Karpov) zu verteidigen, weshalb ihm ja vom Schachverband FIDE der Titel wieder aberkannt wurde. Offenbar wollte sich auch Stassi auf diesen destruktiven Psycho-Aspekt einlassen und Capablancas Rache für erlittene Demütigungen sowie seine Wut und Enttäuschung über abgelehnte Revanchekämpfe als leitmotivische Obsession des Romans verwenden. Aber ist dieser Roman deshalb auch ein Psycho-Krimi? Wohl kaum, denn die Krimi-Schiene verläuft hier kaum erkennbar oder im schwer zu verfolgenden Zickzack-Kurs. Meistens kapriziert sich Stassi nämlich auf ausführliche Darstellungen stimmungshafter Episoden mit kubanischem Lokalkolorit oder auf innere Monologe, die einen Einblick in Capablancas schwankenden Gemütszustand liefern. Der Erzähler beschränkt sich außerdem auf kurze Exkurse, in denen neue Figuren, wie etwa Olga, Capablancas georgische Ehefrau, eingeführt werden. Die zwischen Havanna, New York, Petersburg, Lissabon und Buenos Aires wechselnden Schauplätze sowie die verästelten Plots und Impressionen sollen zwar als Mosaiksteinchen zu einem stimmigen Psychogramm zusammengesetzt werden und den Verdacht erhärten, der 1942 gestorbene Capablanca habe sich mit einer perfiden, langfristig eingefädelten List doch noch vier Jahre später am Erzrivalen rächen können, der ja unter so mysteriösen Umständen 1946 in Lissabon ums Leben kam. Das wirkt eher märchenhaft als plausibel, aber sei´s drum, Stassi hat die monomanische Leidenschaft fanatischer Schachspieler, den Show-Down-Charakter großer Turniere wunderbar eingefangen und einfühlsam demonstriert, dass sich für diese monomanischen Überzeugungstäter das wahre Leben nur auf den vierundsechzig Feldern eines Schachbretts abspielt.
Fabio Stassi: Die letzte Partie. (Originaltitel: La rivincita di Capablanca, 2008) Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. Verlag Kein&Aber, Zürich, 236 S., 19,90 Euro
(Peter Münder 14.05.2009)
Die beiden Schachgenies Alexander Aljechin und Raoul Capablanca waren anfangs enge Freunde, dann erbitterte Gegner- Fabio Stassi beschreibt diese Rivalität und den mysteriösen Tod Aljechins
in seinem Roman „Die letzte Partie“
Von PETER MÜNDER
Auf den faszinierenden kubanischen Schachgroßmeister und ehemaligen Weltmeister (von 1921-27) Raoul Capablanca (1882-1942) war der italienische Autor und Bibliothekar Fabio Stassi, 46, durch den Hinweis eines Freundes aufmerksam geworden. Der wollte eine Biographie über den Kubaner schreiben, starb dann jedoch bei einem Autounfall- so realisierte Fabio also das Projekt seines Freundes. Keine Frage: Die Irrungen/Wirrungen dieser berühmten Schachlegende liefern natürlich reichlich Stoff für einen Roman. Doch was wäre das Leitmotiv, der eigentliche Knackpunkt dieser ohnehin schon romanhaften vita? Capa, dieser Lebemann und Grandseigneur der Großmeister, hatte schon als Vierjähriger mit dem Schachspielen begonnen, er besiegte als 12Jähriger den kubanischen Meister Corso, er gewann bald unzählige Turniere und entthronte in Havanna 1921 im Duell mit der Schachlegende Emanuel Lasker den Weltmeister, der den Titel ja 27 Jahre lang verteidigt hatte. Der Kubaner war keine knallharte Kampfmaschine, sondern ein umgänglicher Genießer, der vor allem die Ästhetik einer Partie schätzte und sich an brillanten Kombinationen berauschen konnte. Er lehnte es ab, sich intensiv mit theoretischen Studien oder Neuerungen zu beschäftigen- „Learning by Doing“ war seine Devise. Sein großer russischer Rivale Alexander Aljechin (1892-1946) war der Antipode, der kaum gegensätzlicher hätte sein können: Verbissen, fanatisch, abweisend und eiskalt kalkulierend wollte er als Kampfmaschine alle Gegner nur überrollen- vom „Human Factor“ hatte er offenbar noch nie etwas gehört. Obendrein war er noch opportunistisch: Mal sympathisierte er mit den Bolschewisten, dann entdeckte er seine Sympathien für die Nazis und verfasste unsägliche braune Hetzschriften und Pamphlete. Nachdem er gegen Capablanca 1927 in Buenos Aires den Weltmeistertitel gewonnen hatte, verhöhnte und diffamierte er den entsetzten Kubaner, der vergeblich davon träumte, in einem Revanche-Match den Titel zurückzuerobern. Dabei waren die beiden Spieler am Beginn ihrer großartigen Schachkarriere sogar befreundet gewesen- der Konflikt wurde zur erbitterten Feindschaft, als Capa den berechnenden Charakter Aljechins erkannte, dann noch von ihm in Kommentaren und Pamphleten verunglimpft wurde und einsehen mußte, dass die heißersehnte Revanche gegen den Russen unter immer neuen fadenscheinigen Vorwänden abgelehnt wurde.
So viel zum biographischen Hintergrund dieses Romans, den Stassi leider nie zusammenhängend beschreibt. Er konzentriert sich auf einzelne Episoden, die oft fragmentarisch bleiben und auf kurze, fast filmhafte Sequenzen beschränkt sind. Stassi hat Capablancas Werdegang und die konfliktträchtigen Ereignisse um die vierundsechzig Felder auf dem Schachbrett in vierundsechzig Kapiteln beschrieben und den plötzlichen Tod Aljechins 1946 in einem Lissaboner Hotel an den Anfang seines Romans gestellt, um die Rivalität der beiden Meister dann in Rückblenden und atmosphärisch dichten Etappen darzustellen.
Wie stark die Wettkampfmentalität das Verhalten des homo ludens prägt, zeigt Stassi in einer herrlichen, sicher fiktiven Szene, während des großen Petersburger Turniers von 1914, wo sich Aljechin und Capablanca zum ersten Mal treffen und sich anfreunden. Jeder erkennt im Gegner Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit, wie etwa den gnadenlosen Siegeswillen, die grenzenlose Hingabe ans Schach, die das Niveau der meisten anderen Spieler weit übertrifft. Ihre Ähnlichkeit resultierte wohl auch aus der Abgrenzung gegenüber dem sie umgebenden Mittelmaß, wie Capablanca vermutet: „Weil sie beide noch so unbekannt und dennoch skandalös verwegen waren, und- das spürte er- weil ihnen beiden Erfolg beschieden war“. Prompt fordert Aljechin den Kubaner zu einer Wette heraus: Wer zuerst Madame Zlata, die Geliebte des russischen Großfürsten verführt, gewinnt. Capablanca kann tatsächlich als Erster ihr Bett erobern, doch das große Match beim Turnier am nächsten Tag kann er nicht gewinnen, weil er emotional zu aufgewühlt ist und fast nicht geschlafen hatte. War das ein perfide von Aljechin eingefädeltes Manöver, um sich gegenüber Capablanca beim Turnier einen Vorteil zu verschaffen? Jedenfalls war nach dieser Phase freundschaftlicher Zuneigung bei Capablanca schnell der Zweifel an Aljechins Motiven gewachsen; er entwickelte danach, so stellt es Stassi dar, eine skeptische Distanz zu ihm .
„Ich genieße es, das Ego meines Gegners zu zerstören“ hatte das im letzten Jahr gestorbene exzentrische amerikanische Schachgenie Bobby Fischer ja konstatiert und damit auch das Psycho-Drama eines Schach-Duells umschrieben. Auch Fischer hatte sich ja übrigens- ein durchgängiges Motiv im Turnierschach- nach seinem WM-Sieg gegen Spasski 1972 immer geweigert, seinen Titel (gegen Karpov) zu verteidigen, weshalb ihm ja vom Schachverband FIDE der Titel wieder aberkannt wurde. Offenbar wollte sich auch Stassi auf diesen destruktiven Psycho-Aspekt einlassen und Capablancas Rache für erlittene Demütigungen sowie seine Wut und Enttäuschung über abgelehnte Revanchekämpfe als leitmotivische Obsession des Romans verwenden. Aber ist dieser Roman deshalb auch ein Psycho-Krimi? Wohl kaum, denn die Krimi-Schiene verläuft hier kaum erkennbar oder im schwer zu verfolgenden Zickzack-Kurs. Meistens kapriziert sich Stassi nämlich auf ausführliche Darstellungen stimmungshafter Episoden mit kubanischem Lokalkolorit oder auf innere Monologe, die einen Einblick in Capablancas schwankenden Gemütszustand liefern. Der Erzähler beschränkt sich außerdem auf kurze Exkurse, in denen neue Figuren, wie etwa Olga, Capablancas georgische Ehefrau, eingeführt werden. Die zwischen Havanna, New York, Petersburg, Lissabon und Buenos Aires wechselnden Schauplätze sowie die verästelten Plots und Impressionen sollen zwar als Mosaiksteinchen zu einem stimmigen Psychogramm zusammengesetzt werden und den Verdacht erhärten, der 1942 gestorbene Capablanca habe sich mit einer perfiden, langfristig eingefädelten List doch noch vier Jahre später am Erzrivalen rächen können, der ja unter so mysteriösen Umständen 1946 in Lissabon ums Leben kam. Das wirkt eher märchenhaft als plausibel, aber sei´s drum, Stassi hat die monomanische Leidenschaft fanatischer Schachspieler, den Show-Down-Charakter großer Turniere wunderbar eingefangen und einfühlsam demonstriert, dass sich für diese monomanischen Überzeugungstäter das wahre Leben nur auf den vierundsechzig Feldern eines Schachbretts abspielt.
Fabio Stassi: Die letzte Partie. (Originaltitel: La rivincita di Capablanca, 2008) Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. Verlag Kein&Aber, Zürich, 236 S., 19,90 Euro
(Peter Münder 14.05.2009)
Lesen Sie auch die Anmerkung unseres Schachfreundes Günter Pasternak!