Von PETER MÜNDER
Wer hätte gedacht, dass sich unten in den Katakomben des Britischen Museums in London ein Schachklub etabliert hatte und die Patzer sich dort mehrmals täglich trafen? Ich hatte das zufällig in einer Mittagspause entdeckt, als ich als Student im legendären riesigen Lesesaal mit der großartigen Kuppel- wahrlich eine Kathedrale abendländischer Kultur!- zwei Jahre lang an meiner Dissertation über Harold Pinter brütete. Hier hatte ja schon Karl Marx gehockt, die Reihe der Geistesheroen, die hier ihre Meisterwerke fabrizierten, ist lang. Man saß an den langen, mit grünem Filz versehenen kreisförmig angeordneten Tischen, bekam in kürzester Zeit alle auf Bestellzetteln georderten Bücher an den Platz gebracht und wurde hier, wo generelles Sprechverbot herrschte (Handys gab es damals noch nicht!) höchstens mal von exzentrischen Ex-Militärs oder erbosten emeritierten Professoren gestört. Ein verwirrter, in kurzen Khaki-Hosen mit Tropenhelm ausstaffierter Colonel a.D. brabbelte in ein bombastisches altes Funkgerät „Colonel Smith calling Headquarters! Over!” Und mein Tischnachbar, ein emeritierter Oxford- Professor, schimpfte mal wieder über den Duke of Edinburgh, der sich schon wieder mit politisch unkorrekten Bemerkungen über australische Aborigines und die Exzesse grauenhafter moderner englischer Architektur unbeliebt gemacht hatte. Als „Gentleman´s gentleman“ beschimpfte der Prof. den Duke- also als ungebildeten Diener. Doch das regte niemanden auf- diese kleinen Irritationen waren schnell vorbei und dann hörte man den Rest des Tages nur noch das beruhigende Rascheln umgedrehter Buchseiten. Der Colonel war übrigens eine bekannte Figur und wurde von Lesern und dem BM- Personal mit einem sympathischen Faible für alles Exzentrische wohlwollend toleriert. Er hatte im Dschungel von Malaya gegen kommunistische Rebellen gekämpft und bildete sich immer noch ein, über Funk rechtzeitig Ersatztruppen anfordern zu können. Nun war es dafür aber wohl doch etwas spät. Er wurde jedenfalls regelmäßig von zwei Angestellten höflich nach draußen gebeten und ebenso höflich stapfte er, mit seinem Tropenhelm bestens gegen die ach so brutalen englischen Sonnenstrahlen geschützt, davon. In einer Mittagspause, die ich damals meistens unten im Museums-Restaurant verbrachte, hatte ich einen Blick in einen kleinen Seitenflügel geworfen, wo sich ein halbes Dutzend Spieler an den Brettern tummelte. Ich musste nicht lange fragen, um in diesen Kreis sympathischer Tüftler aufgenommen zu werden. Hier wurde zwar ernsthaft gespielt, aber auch viel gelacht. Die Mitarbeiter des Britischen Museums hatten hier ihren Schachklub und spielten hier auch nach Schließung des Lesesaals abends weiter. Schnell war mir klar, dass einige BM-Angestellte lieber hier am Brett ihre Zeit verbrachten, als an ihrem Arbeitsplatz. Und ich musste mich auch zusammenreißen, um halbwegs diszipliniert meine lange Literaturliste abzuarbeiten und nicht mehrmals am Tag unten im Keller am Brett zu verschwinden. Offenbar litten einige Spieler schnell an Entzugserscheinungen, wenn sie mal einen Tag nicht am Brett waren. Diese Spielerhöhle war jedenfalls eine wunderbare, idyllische Zone, die mir das Gefühl gab, hier eine neue Heimat gefunden zu haben. Fred, John, Michael und Charles und all die anderen hatten einen großartigen Humor und verstärkten noch mein vielleicht allzu idealisiertes, extrem positives Briten-Image. Für phonstarke Turbulenzen sorgte dann allerdings schnell Caroline. „Hier ist es ja so ruhig heute, war Caroline noch nicht da?“ hörte ich schon in den ersten Tagen, als ich mich unten im Patzerkeller gerade akklimatisiert hatte. Und dann gab es die ersten Hinweise, die sich anhörten wie Orkanwarnungen. „Warte nur, bis Caroline kommt, dann ist es vorbei mit der Ruhe und es wird so turbulent wie auf dem Fischmarkt“, meinte Fred. Tatsächlich hörte ich eines Abends ein lautstarkes Geschrei, als ich auf dem Weg nach Hause (damals noch im noblen Kensington) auf einige Partien in den Keller huschte. „Come home, John“, kreischte eine rothaarige, sehr dynamisch wirkende Frau schon am Türeingang. „Ich habe extra einen Turkey besorgt und die Minzsauce müsste Dir auch schmecken!“ Doch John ließ sich von diesem Lockruf und den versprochenen kulinarischen Köstlichkeiten nicht aus der Ruhe bringen und schob seelenruhig einen Bauern nach vorne. Diese Szenen, das merkte man sofort, spielten sich offenbar ziemlich regelmäßig ab und John wollte lieber in Ruhe spielen als sich beim Truthahnessen von seiner quengelnden Caroline den Abend verderben zu lassen. „Geh schon mal vor, ich muss hier noch meine kleine Mattfalle vorbereiten“, konterte John also. Und so eskalierte die Szene – es entwickelte sich ein rhetorisches Scharmützel wie aus dem Bilderbuch eines Scheidungsanwalts. „Langsam reicht es mir“, tobte sie, „und mir auch“, murmelte er. „Ich reiche die Scheidung ein! Das ist mein letztes Wort! Jeden Tag dieses Theater! Dann verstaube doch hier bei Deinen Zockern!“ schrie Caroline, während die anderen Spieler an ihren Brettern ein breites Grinsen kaum unterdrücken konnten. Tatsächlich dauerte es dann nicht lange, bis das Paar geschieden war. Vielleicht sollte man im Standesamt oder in der Kirche gleich die Floskel „Bis dass das Schachbrett uns scheide“ bei der Trauungszeremonie berücksichtigen?“ ging es mir damals durch den Kopf.
Jedenfalls waren das herrliche Patzerzeiten mit wunderbaren Begegnungen, die ich später an fremden Brettern wiederholen wollte, um möglichst viel vom faszinierenden Lokalkolorit und der Mentalität der Spieler in anderen Breitengraden kennenzulernen. So machte ich also Versuche, auf Reisen Schachklubs zu besuchen und Kontakt zu Spielern aufzunehmen.
Bei einem Besuch im New Yorker Marshall Chess Club, nicht weit von der Fifth Avenue, lief das dann einige Jahre später so ab: „Wait a minute“, blaffte eine Quakstimme aus dem Lautsprecher an der verschlossenen Eingangstür, „Have you got five Dollars?“ Ich musste in eine Videokamera gucken, nach dem Summen und dem Öffnen der Tür eine steile Treppe nach oben steigen und dem Pförtner hinter der gepanzerten Glasscheibe fünf Dollar Besuchsgeld hinlegen. „Und jede Partie kostet zwei Dollar“, hörte ich noch, dann konnte ich in den Spielsaal, der mit historischen Aufnahmen bekannter Schachspieler- natürlich war auch ein Bild vom 12jährigen Bobby Fischer am Brett dabei- und früherer Clubturniere wunderbar dekoriert war. Für einige Blitzpartien fanden sich sofort eifrige Spieler, aber diesen Zockern ging es meistens nur um den schnellen Dollar, den sie hier am Brett einheimsen wollten. Einige Partien konnte ich zwar gewinnen, aber die meisten gingen den Bach hinunter. Immerhin leistete ich mit meinen gespendeten Dollars die offenbar dringend benötigte Entwicklungshilfe für bedürftige Zocker. Und die im Glaskasten ausgestellten T-Shirts mit dem Club-Logo fand ich so attraktiv, dass ich mir gleich zwei davon kaufte. Vor wichtigen Spielen ziehe ich so ein T-Shirt an, doch allzu viel Glück bringt das leider auch nicht. Erst hinterher wurde mir klar, dass dies gar nicht Bobbys legendärer Manhattan Chess Club, sondern ein zweitklassiges Double gewesen war. Bobbys berühmter Club hätte auch bestimmt mehr Wind um seinen „famous wonderboy“ gemacht !
Ähnlich ernüchternd verlief ein Besuch im „Engineers´ Chess Club“ in einem Wolkenkratzer in San Francisco. Für einen Bericht über Dashiell Hammett, der in San Francisco als Pinkerton-Detektiv gelebt hatte und hier den „Malteser Falken“ geschrieben hatte, wandelte ich auf Hammetts Spuren.
Dabei entdeckte ich in seinem alten Apartment in der Post Street auch Photos mit Humphrey Bogart. Der war
übrigens passionierter Schachspieler und spielte sogar in den Drehpausen. Ein schönes Bild zeigt ihn am Brett während einer „Casablanca“-Dreh Pause. Der 1915 gegründete „Engineers´Club“ war der
bekannteste Club, den wollte ich unbedingt besuchen. Nach telefonischer Voranmeldung und dem Eintrag ins Gästebuch unten beim Pförtner, raste der Fahrstuhl in den 12. Stock, wo ich von sehr
distanziert wirkenden älteren Herren kritisch beäugt wurde.
Spannender war es dagegen bei den echten Zockern an der Market Street. Dort wo die Cable Cars ihre Wendemanöver machen und wieder den Berg hinauffahren, haben sich an rund zehn Tischen echte Zocker niedergelassen, die auf Blitzpartien spezialisiert sind. Die verlangten fünf Dollar Einsatz für eine Fünfminutenpartie schienen mir doch zu riskant, also schlug ich einen Dollar vor und das schien für meinen Gegner, einen jungen schwarzen Studenten, auch OK zu sein. Die erste Partie ließ er mich gewinnen, die nächsten fünf gewann er dann alle. Offenbar war er einer der vielen Routiniers, die sich mit dem Zocken am Brett ein hübsches Zubrot verdienen. Es ging jedenfalls ziemlich turbulent zu- umringt von Passanten, Verkäufern, rasselnden Straßenbahnen und den freundlich-flapsigen Kommentaren der Kiebitze. Cool bleiben war natürlich auch hier die allgemeine Zocker-Devise und das fiel auch nicht schwer, denn die Jungs, die sich alle kannten, riefen sich von Tisch zu Tisch ihre ironischen Sticheleien zu. „Hast wohl wieder durchgesumpft, du kranker Vogel, kannst ja kaum das Brett erkennen!“ So in der Art.
Was gibt es Demütigenderes als gegen einen betrunkenen, „blind“ spielenden Usbeken zu verlieren? Im Hochsommer in Taschkent bei rund fünfzig Grad im Schatten wollte ich für eine Reportage mit usbekischen Baumwolltruckern im Lkw von Taschkent nach Bremen ins Baumwollkontor fahren und hatte beim Spaziergang durch den Stadtpark ein Häuflein Schachspieler entdeckt. An einem Tisch setzte ein Spieler seine Figuren, während er auf das Kommando eines drei Meter entfernt im Gras hockenden, lallenden Mannes hörte. Der Betrunkene lehnte an einem Baum, hielt die Vodkaflasche in der Hand, stierte mit glasigem Blick in den Himmel und gab seine Direktiven. Es war wohl der Lokalmatador, der auch noch mit drei Promille jeden Gegner wegputzen konnte. Als er mich entdeckte, rief er sofort „One game five dollars!“ Ich handelte ihn auf drei Dollar runter, wir einigten uns auf zehn Minuten Spielzeit und der Kollege, der für den Blindspieler die Figuren setzte, machte sich fertig. Er rief auf Russisch meine Züge, hörte sich die Replik vom Vodkatrinker an und nach höchstens vier Minuten konnte ich bereits aufgeben. Wir spielten drei Partien, dann verabschiedete ich mich von den netten Leuten, die mich alle begeistert anstrahlten. Natürlich kam bei ihnen Volksfeststimmung auf- wann erleben sie schon mal, wie ein ausländischer Tourist von einem betrunkenen Einheimischen nach Strich und Faden fertig gemacht wird? Von einem Spieler, der einfach nur in die Wolken starrt, die subtilsten Spielzüge im Kopf hat und nach jeder eroberten Figur einen gekonnten Rülpser von sich gibt? Andererseits war es auch eine nicht gerade alltägliche, amüsante Erfahrung.
Der Trip mit den Truckern, der zwei Wochen dauern sollte, war dann eher enttäuschend. Nachts stellten die Fahrer zwar wie bei den Indianern die Lkws zur Wagenburg um ein Lagerfeuer zusammen, man verrammelte alle Lkws und abwechselnd wurden Wachen eingeteilt, um auf die üblichen Überfälle russischer Mafiabanden vorbereitet zu sein. Aber bis auf Querelen mit den Wachposten und Zöllnern, die alle mit Zigarettenstangen und Whisky bestochen werden wollten, gab es keine Zwischenfälle. Da seilte ich mich dann schon nach fünf Tagen mit Boris im Mercedes-Truck in Samara ab und stieg in einen Flieger nach Moskau, der restlos überladen war. Da saßen und standen die Passagiere mit ihren Vogelkäfigen und riesigen Stoffballen in der uralten Iljuschin herum. Sogar die Toilettensitze waren alle besetzt- man hatte überzählige Passagiere einfach auf die Klobrillen verfrachtet, was empfindliche Frauen zum Gebrauch parfümierter Taschentücher veranlasste, die sich vors Gesicht hielten. Die Türen der Klokabuffs blieben geöffnet, was für ein rustikal-heimeliges, allerdings auch ziemlich geruchsintensives Ambiente sorgte.
Aber zurück zum Schach. Sehr gepflegt ging es damals im Metro Bangkok Chess Club zu, der seine Turniere meistens in Luxus- Hotels wie dem Erawan durchführte. Während meiner Zeit als DAAD-Lektor an der Chulalongkorn Universität, wo ich die Werke von Schiller, Kleist, Böll und Kafka, Dürrenmatt und Döblin wissbegierigen und sehr freundlichen thailändischen Studenten vermitteln durfte, spielte ich in dieser buntgemischten Truppe mit. Die Thais waren zwar immer gut drauf, schäkerten lustig drauflos, aber Suchart, Nakorn, Sawai und Prakob waren am Brett zähe, ehrgeizige Burschen, die man nie unterschätzen durfte. Man spielte auswärts zwar auch mal beim chinesischen Apotheker, der seinen alten Toyota direkt neben dem Bett im Schlafzimmer stehen hatte. Oft gab es Turniere unter freiem Himmel, etwa im elitären Royal Bangkok Sports Club am überdimensionierten Pool, oder in Biergärten deutscher Lokale, deren deutsche Chefs sich mehr Zuspruch durch die Farangs, die westlichen Langnasen, versprachen. Der Clubfreund Lloyd Taub, mit dem ich damals viele Partien spielte, war ein US-Veteran, der nach dem Vietnamkrieg in Bangkok hängen geblieben war und sich dort eine thailändische Freundin angelacht hatte. Von seiner Soldatenpension konnte er im billigen Bangkok gut leben. Wenn wir in seinem Apartment unten am Pool spielten, planschten neben uns die lachenden Kinder, es kam aber auch vor, dass Lloyd später am Abend immer unruhiger wurde und häufiger zum Telefonhörer griff um zu kontrollieren, wo seine Freundin abgeblieben war. Die steckte dann meistens im Grace Hotel und vergnügte sich mit irgendwelchen Touristen, was den sonst so ruhigen Lloyd zur Weißglut trieb. Aber seitdem ist viel Wasser den Chao Praya hintergelaufen. Inzwischen habe ich mal im Kleinwalsertal einen Schachklub besucht, wo viele Spieler in dem kleinen Gasthof wegen der hohen Verzehrpreise mit Plastiktüten erschienen, in denen sie ihre Kingsize-Flaschen „Schwarzer Adler“ mitschleppten, aus denn sie während des Spiels eifrig nippten. Außerdem besuchte ich während eines Urlaubs in Murnau am malerischen Staffelsee den lokalen Club und lernte wieder einmal das vertraute Zocker-Milieu kennen. Sechs Spieler trafen sich im Hinterzimmer eines Gasthofs, beim Maß Weißbier wurde geblitzt, was das Zeug hielt und für jede Partie musste man 50 Cent Einsatz zahlen. Ein Kroate gewann fast alle Partien. Das war sehr urig, aber auch ermutigend, weil der „Krieg der Kulturen“ und die Kluft zwischen Preußen und Bayern doch nicht so gravierend zu sein scheint, wie man oft annimmt. Jedenfalls begannen bei den Murnauer Schachfreunden die Augen zu glänzen, als sie vom hergereisten Nordlicht hörten, sein Heimathafen sei Hamburg: „Da wollte ich schon immer mal hin“, meinten die meisten und fingen an, vom Hafen und von der Reeperbahn zu schwärmen. Nach den großen Erfolgen unserer Mannschaften werden sie aber auch bald vom Rahlstedter Meisterverein Caissa schwärmen, oder?
(Peter Münder 09.05.2008)