DER UNDERDOG ALS ANGSTGEGNER

Warum gewinnen kleine Jungs und Mädchen mit Kuscheltierchen (aber auch ohne!) so oft gegen alte Routiniers mit viel höherer DWZ?

Von PETER MÜNDER

Jeder Schachspieler hat wohl seine spezielle, abenteuerliche Anekdote parat, die einen grandiosen Sieg oder auch die (natürlich extrem seltene!) Niederlage illustriert. Beim Rahlstedter AMTV war es fast aussichtslos, gegen Altmeister Günter zu gewinnen, wenn der schon einige seiner hochprozentigen Kampfgetränke eingenommen hatte. Nach etlichen Grappas und mehreren Gläsern Rotwein lief Günter zur Höchstform auf und konterte gute Züge des Gegners prompt mit dem lapidaren Spruch: „Wie der wieder spült! Gut gespült!“ Dabei spülte er ja selbst ein Glas mit Hochprozentigem nach dem anderen runter und fand trotzdem immer noch gewaltige, frappierende Konter, die seine Gegner mürbe machten und zur frühzeitigen Aufgabe brachten. Berüchtigt waren auch Günters gebetsmühlenartig runtergeleierte „Remis?“-Offerten, wenn es dann doch zu schlimm für ihn aussah. Spätestens nach der zehnten Remis-Anfrage waren auch die hartnäckigsten Gegner so genervt, dass sie nur noch apathisch „Von mir aus, es reicht mir sowieso“ schnauben und grußlos das Brett verlassen konnten. Wenn Günter seine aufregendsten oder ärgerlichsten Partien beschrieb, war immer sein unter permanentem Kopfschütteln und vielen Entrüstungsschreien („Ich alter Patzer! Wie konnte mir das bloß passieren!“) erinnertes Spiel gegen ein damals erst 13jähriges Mädchen aus Kroatien dabei. Beim Punktspiel gegen einen anderen Hamburger Verein aus dem Nordosten spielte dieses Mädchen gegen Günter an Brett 2. Er hätte sich wohl denken können, dass seine Gegnerin keine blutige Anfängerin mehr war, aber er glaubte wohl, sie mit wenigen Zügen und kurzen Gedenkpausen vom Brett fegen zu können.

Nach den ersten schnell und routinemäßig abgespulten acht Zügen seiner Lieblings-Königsgambitvariante marschierte Günter, diese imposante Erscheinung mit der mehrere Zentner schweren Sumo- Ringer-
Statur, zielstrebig zur Bar und spülte das erste Bier runter. Das war damals während eines Punktspiels noch möglich. Kurz darauf, als ich erwartete, ihn euphorisch in Siegerpose während seiner
Lieblingsphase zu erleben, wenn üblicherweise das Brett in Flammen stand und er die tödlichste seiner raffiniert eingefädelten Killer-Varianten zum endgültigen Matt-Angriff bündeln würde, erlebte ich
ihn jedoch keineswegs mit dem bekannten Triumphator- Auftritt.

Er stand am Bierkasten, öffnete mit übertriebener Gestik und viel Getöse, mit einem lautem Plopp und mit hochrotem Kopf die zweite Flasche, nippte noch an einer kleinen Flasche Jägermeiser, die er plötzlich aus einer Jackentasche hervorzauberte, fluchte laut vor sich hin und brummte immer wieder „verdammter Mist, das gibt´s doch nicht!“. „Günter, was ist los, ist das Bier zu warm?“ wollte ich wissen. „Wenn es das nur wäre! So ein verdammter Mist!“ fluchte er, „habe die Dame eingestellt und aufgegeben! Die hat mich reingelegt! So klein und schon so abgebrüht! Das darf doch alles nicht wahr sein!“ tobte er.
Das kleine Mädchen, so stellte sich später heraus, war ein großes Talent, wurde von ihrem Verein systematisch gefördert und spielte später in der Bundesliga. Da hat sie wahrscheinlich auch viele andere ältere Knaben in den Wahnsinn getrieben.
An Günter und das abgebrühte Mädchen musste ich denken, als ich Anfang Januar beim Ramada Cup in Bergedorf mitspielte. Es ist ja auch deswegen ein sehr populäres Turnier und hatte auch diesmal wieder über vierhundert Teilnehmer angelockt, weil in den sechs verschiedenen, nach DWZ-Stärke sortierten Gruppen ähnlich starke Spieler- vom Anfänger bis zum Bundesliga-Crack- unter sich sind. Von unserer Caissa-Truppe waren noch Michael Kurth und Gottfried Schoppe dabei, die wegen ihrer besseren DWZ-Zahl in höheren Turniersaal-Gefilden weilten. Da blieben ihnen wenigstens unsere schockierenden Niederlagen gegen die Teenies erspart, die uns ziemlich gnadenlos in Grund und Boden spielten. In meiner Gruppe (DWZ bis 1500) war noch der sympathische Schachfreund Peter Eigenmann dabei, der früher ja auch bei Caissa spielte, jetzt aber bei Eutin lebt, und mein alter Freund und Kumpel Rainer, der neuerdings nach Berlin gezogen ist, um dort im brodelnden Kulturkessel mitten im Wedding seinen Ruhestand auszukosten. Schon beim unauffälligen prophylaktischen Beäugen der Gegner vor Turnierbeginn fiel auf, dass rund die Hälfte in unserer Gruppe junge Spieler waren. Es wimmelte von Zehn-und Zwölfjährigen, die mit ihren Eltern oder den Vereinstrainern angereist waren. Viele Mädchen hielten ihre Kuschelbärchen, Krokodile, Elche, Dackel, Katzen usw. im Arm. Das müsste doch eigentlich ein Spaziergang werden, dachte ich, obwohl Peter Eigenmann warnte: „Laß dich nicht täuschen- die haben vielleicht weniger Spielpraxis und geringere DWZ-Zahlen, sind aber routinierte Theoretiker, weil die das doch alles im Verein eingebimst kriegen“.

Im letzten Jahr war Rainer noch einer der Hoffnungsträger des Eutiner Schachvereins gewesen und hatte einen der begehrten Preise eingeheimst. Er spielte dann sogar irgendwo bei Kassel in der nächsten

Runde mit, kam jedoch nicht weiter. Auch diesmal wollte er wieder groß auftrumpfen- und dann erlitten wir alle diese Pleite und schlichen wie die geprügelten Hunde nach Hause! Mit zwei Punkten (von fünf Partien) war Peter Eigenmann noch am besten davongekommen, ich konnte kümmerliche 1,5 Punkte mitnehmen und Rainer, der absolut geschockt war und mit einem halben Punkt ganz tief unten in den
absoluten Niederungen der Rangliste landete, schien von einer permanenten Depression heimgesucht zu werden.

Natürlich hatten wir zwischendurch auch „normale“, erwachsene Gegner, mit denen wir einigeraßen zurecht kamen. Aber zweifellos beschäftigten uns die irritierenden Niederlagen gegen die Youngster immer noch während dieser anderen Partien und warfen uns aus der Bahn.
Irgendwie kamen wir nämlich alle ins Schlingern, wenn wir gegen diese jungen Dachse spielten. Denn wir hatten sie dann doch alle unterschätzt, nicht gründlich genug gerechnet, zu schnell gezogen. Aber wer kann sich schon als präziser Rechner betätigen, wenn er von einem offenbar völlig verschüchterten Mädchen angestarrt wird, das sich ängstlich an seinem Kuscheltier festklammert? So wirkte es jedenfalls auf mich. Tatsächlich erging es mir wohl so wie weiland unserem Günter vom AMTV. Melanie, angereist aus dem südlich-tropischen Biberach, mit einer DWZ von 1390 ausgewiesen, hatte sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Meine wilden Skandinavisch-Manöver hatte sie alle durchschaut und auch entdeckt, dass ich nach einer aufgehobenen Fesselung meinen Springer einfach begraben konnte.
Ich spielte zwar noch tapfer weiter, dachte dabei an unseren Masuren-Günter, der schon zum Frühstück einen Liter Pferdeblut trinkt und sich immer an das Motto hält: „Vorwärts immer! Rückwärts nimmer!“ Aber es half alles nichts- nach 44 Zügen konnte ich in hoffnungsloser Stellung aufgeben. Schöner Mist! Auch die anderen Schachfreunde hatten ähnliche Erfahrungen gemacht- mit zehnjährigen Jungs, die sogar noch aufstehen mußten, wenn sie des Gegners Qualität eroberten, weil ihre Ärmchen so kurz waren. Oder mit zwölfjährigen Mädchen, die ebenfalls mit Kuschel-Elch oder Stoffdackel neben sich am Brett brüteten.

„Ich habe einfach nur blöd gespielt und eine raffinierte Springergabel übersehen“, stöhnte Rainer nach dem frühen Damenverlust und der Niederlage gegen ein kleines Bürschchen.
Natürlich lag unsere kümmerliche Punktausbeute aber nicht nur daran, dass wir so blöd gespielt haben. Die vermeintlichen Underdogs, von uns allen als halbe Portionen völlig unterschätzt, entpupptensich als echte Fighter, auch wenn man es ihnen nicht ansehen konnte- und das ist natürlich gut so! Schließlich ist das ja das Tolle am Schach- am Brett kommt es immer noch auf das Köpfchen an undnicht auf den Bizeps, auch nicht auf irgendwelche DWZ-Renommierzahlen, die man in früheren Schlachten errungen hat und jetzt wie ein Reklameschild oder als schillerndes Status-Symbol vor sich her trägt.

Hier muß sich eben auch der angeblich so clevere, routinierte alte Hase immer wieder neu beweisen.
Nach dem Ramada- Desaster hat unser von Teenies gebeuteltes Trio vielleicht eine kleine Underdog-Phobie entwickelt. Aber wir wollen im nächsten Jahr wieder mitmachen- dann sind wir aber auf der Hut vor diesen kleinen, tückischen Angstgegnern. Vielleicht nehmen wir uns auch Plüschtiere mit? So ein giftgrünes Krokodil, das mit dem kleinen Gegner ordentlich Angst einjagt, und nach der gierigen Hand schnappt, die uns die Qualität klauen will- das wäre vielleicht die Lösung...
(Peter Münder 31.01.2008)